22.10.2026: Hexenzauber, Knochenkleber und Liebeswurzeln
Wurzeln schlagen kann jeder – wir machen beim Kräuterstammtisch Tinktur draus!
Im Oktober ging es beim Kreativen Kräuterstammtisch ordentlich zur Sache – genauer gesagt: unter die Erde! Denn während sich die Natur langsam in den Winterschlaf verabschiedet, haben die Wildkräuter noch längst nicht Feierabend. Jetzt ziehen sie ihre wertvollen Inhaltsstoffe zurück in die Wurzeln. Und genau dort schlummern wahre Schätze, die seit Jahrhunderten als Heilmittel, Zauberpflanzen und sogar als natürliche Liebeshelfer geschätzt werden.
„Unsere Wildkräuter sind echte Tiefstapler! Was oben oft unscheinbar aussieht, hat unter der Erde manchmal erstaunliche Kräfte. Man muss nur wissen, wo man graben darf“, erklärte Christina Wipperling, Projektleiterin der Umweltbildung, mit einem Augenzwinkern.
Vom Knochenkleber bis zum Liebeszauber
Schon unsere Vorfahren wussten: Wer gesund und munter bleiben wollte, musste manchmal tief graben!
Die Löwenzahnwurzel wurde nicht nur zur Unterstützung der Verdauung geschätzt, sondern sogar als Schutzamulett getragen. Der Beinwell wiederum machte als „Knochenheiler“ Karriere. Schon Krieger vertrauten bei Verletzungen auf seine Wurzeln. Heute wird er äußerlich in geeigneten Salben bei
Prellungen und Verstauchungen eingesetzt.
Richtig pikant wird es bei der Echten Nelkenwurz, dem vermeintlich unscheinbaren Unkraut mit Liebesambitionen. Schon Hildegard von Bingen soll ihre „mannsstärkenden“ Eigenschaften geschätzt haben. In Wein angesetzt, galt die Wurzel als natürliches Aphrodisiakum. Ob sie tatsächlich das Liebesfeuer entfachte, bleibt ein Geheimnis der Volksheilkunde. Fest steht: Ihre Wurzel duftet herrlich nach Gewürznelken und wurde früher für frischen Atem gekaut. Mittelalterliches Kaugummi fürs
Rendezvous – ganz ohne Plastikverpackung!
„Ob die Nelkenwurz wirklich Herzen erobert hat, wissen wir nicht. Aber wer beim ersten Date nach Gewürznelken duftet, bleibt vielleicht eher in Erinnerung als jemand, der nach Knoblauch riecht“,
scherzte Eric Hagen, Projektmitarbeiter der Umweltbildung.
Hexenabwehr und andere unterirdische Geheimnisse
Noch geheimnisvoller wurde es bei der Räucherkunde. Im Mittelalter hängte man Alantwurzeln über Türen, um Hexen und Dämonen fernzuhalten. Die Engelwurz galt als mächtige Schutzpflanze und die Iriswurzel
als magischer Liebesmagnet. Ob die bösen Geister tatsächlich Reißaus nahmen, ist nicht überliefert – zumindest dürfte es in den Häusern recht aromatisch gerochen haben!
Auch die Blutwurz verblüffte: Schneidet man ihren Wurzelstock an, färbt sich die Schnittfläche blutrot.
Doch keine Sorge, hier wurde niemand verletzt! Verantwortlich sind pflanzliche Inhaltsstoffe, die sich an der Luft verändern. Wegen ihrer Gerbstoffe wurde sie traditionell bei Verdauungsbeschwerden geschätzt und 2024 zur Arzneipflanze des Jahres gekürt.
„Früher steckte hinter fast jeder Wurzel eine spannende Geschichte – mal Heilkunst, mal Aberglaube
und manchmal auch ein bisschen Liebeszauber. Genau diese Mischung macht unsere Kräuterwelt
so faszinierend“, berichtete Susanne Stadermann, Projekt- und Stationsmitarbeiterin der Umweltbildung.
Ran an die Wurzeln – aber bitte mit Köpfchen!
Neben spannenden Wurzelporträts erfuhren die Teilnehmenden, warum der Herbst als ideale Erntezeit gilt, wie man Wildkräuter sicher erkennt und ihre unterirdischen Schätze verantwortungsvoll erntet. Denn nicht jede Wurzel gehört in den Kochtopf! Besonders bei giftigen Doppelgängern ist Vorsicht geboten. Auch die praktische Seite kam nicht zu kurz: Von der traditionellen Räucherkunde über die Herstellung einer Tinktur gab es viel auszuprobieren.
Die wilde Hausapotheke direkt vor der Haustür
Viele unserer wilden Kräuterschätze und heimischen Heilkräuter wachsen ganz unspektakulär im eigenen Vorgarten, zwischen Pflastersteinen, am Gartenzaun oder in der nächsten Wiese. Löwenzahn, Brennnessel, Nelkenwurz und Co. sind oft längst eingezogen – ganz ohne Mietvertrag und manchmal zum Ärger der Gartenbesitzer! Was der eine mühsam als „Unkraut“ bekämpft, entpuppt sich für Kräuterkundige als wertvoller Naturschatz. Vielleicht sollte man beim nächsten Unkrautjäten also erst einmal genauer hinschauen – denn manchmal rupft man sich die eigene Hausapotheke aus dem Garten!
Wer glaubt, im Oktober sei in der Kräuterwelt nichts mehr los, der irrt gewaltig! Die spannendsten Schätze der Natur liegen manchmal direkt unter unseren Füßen. Und beim kreativen Kräuterstammtisch wurde wieder einmal bewiesen: Wahre Kräuterfans gehen den Dingen auf den Grund – notfalls mit dem Spaten!
Autor: Eric Hagen
Bilder: © Eric Hagen
