05.09.2026: Hecke gut, alles gut? Warum Sträucher am Feldrand echte Multitalente sind
Hand aufs Herz: Wer denkt bei einer Hecke zuerst an Klimaschutz, Wildkatzen und Biotopverbund? Wahrscheinlich die wenigsten. Eher kommen Gartenzaun, Heckenschere oder der Nachbar in den Sinn,
der es mit der Grundstücksgrenze sehr genau nimmt. Dass zwischen Schlehe, Weißdorn und Hundsrose aber erstaunlich viel passiert, zeigte unsere Heckenwanderung am vergangenen Samstag, dem 5. September 2026.
Zum Auftakt notierten die Teilnehmenden das erste Wort, das ihnen beim Gedanken an eine Hecke einfiel. Die Antworten wurden eingesammelt – und sollten erst am Ende der Wanderung wieder eine Rolle spielen. Dann hieß es: Perspektivenwechsel! Beim Rollenspiel „Eine Hecke – viele Perspektiven“ wurden die Teilnehmenden zu Vogel, Insekt, Wildkatze, Kulturpflanze, Boden, Mensch oder Landwirt. Jede Rolle betrachtete die Hecke mit anderen Augen: Der Vogel sucht einen Brutplatz, das Insekt Nahrung, die Wildkatze Deckung und der Landwirt muss seine Flächen bewirtschaften. Schnell zeigte sich: Wo viele Ansprüche zusammentreffen, sind Interessenkonflikte nicht weit. Denn eine Hecke ist nicht nur Gebüsch
mit Grundstücksanschluss, sondern Teil eines Systems aus Natur, Landwirtschaft und menschlicher Nutzung.
Zeitreise in die Heckenlandschaft
Mit Christina Wipperling, Projektleiterin aus unserem aktuellen Umweltbildungs-Projekt „Natur(a)erleben!“, ging es anschließend gedanklich zurück in die Landschaft der Region zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Mithilfe eines Biotopverbundspiels erkundete die Gruppe, wie sich die Landschaft verändert hat und warum viele frühere Heckenstrukturen verschwunden sind. Ein Biotopverbund funktioniert dabei wie ein Wegenetz für die Natur: Hecken, Feldgehölze und andere naturnahe Strukturen verbinden Lebensräume miteinander und ermöglichen Tieren und Pflanzen, sich zwischen ihnen zu bewegen und auszubreiten.
Ein „Morgen“ mit erstaunlich viel Leistung
Früher wurden Ackerflächen häufig durch Hecken oder Wälle begrenzt. Der historische „Morgen“ bezeichnete ungefähr die Fläche, die ein Bauer mit Ochsen oder Pferden an einem Vormittag
bearbeiten konnte. Was damals vor allem praktische Grenze war, ist heute ein echtes Multitalent.
Hecken bieten Brutplätze für Vögel wie den Neuntöter, Nahrung für Insekten und wichtige Strukturen
für die Europäische Wildkatze, die auch in den Wäldern unserer Hainleite zu Hause ist. In der offenen
und hügeligen Landschaft rund um Sondershausen bremsen sie den Wind, schützen wertvollen Ackerboden vor Erosion und halten Feuchtigkeit in der Landschaft. Bei Starkregen verlangsamen sie den Wasserabfluss, zudem speichern ihre Gehölze Kohlenstoff.
Kurz gesagt: Die Hecke bietet Kost und Logis, hält den Boden fest, bremst Wind und Wasser und speichert nebenbei CO₂. Andere brauchen für so viele Aufgaben eine ganze Abteilung.
Wie man ein solches Multitalent richtig anlegt, erklärte Eric Hagen, Projektmitarbeiter der Natura 2000-Station Possen und gelernter Gärtner. Dabei ging es um geeignete Gehölze, Pflanzung und Pflege sowie um ungebetene Gäste. Buchsbaumzünsler und Dickmaulrüssler zeigten anschaulich: Nicht jeder Besucher im Garten ist willkommen.
Zum Abschluss kamen die Notizen vom Beginn wieder zum Vorschein. Die gesammelten Begriffe
wurden mit dem neu gewonnenen Wissen betrachtet und diskutiert. Aus der vermeintlich
einfachen Hecke war inzwischen weit mehr geworden als nur eine Reihe Sträucher.
Und so blieb eine Frage, die uns alle angeht: Wie können wir Landschaften und Gärten so gestalten, dass sie dem Klimawandel besser standhalten und zugleich Lebensraum für heimische Tier- und Pflanzenarten bieten?
Die Heckenwanderung zeigte jedenfalls: Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Denn wo Hecken wachsen, blüht auch unsere Vielfalt – und davon profitieren Tiere, Pflanzen und letztlich auch wir Menschen.
Autor
Eric Hagen
